Gleiches Recht für alle –

Ein Projekttag bei Theater ImPuls, beobachtet von einem Gast


8.30 Uhr! Das ist nicht die Zeit, die man üblicherweise mit Theater in Verbindung bringt. Eher schon mit Schule und Unterricht. Theater ImPuls kombinierte Beides. Und ein Arbeitsbeginn um 8.30 Uhr ist für Schüler ja nichts Besonderes.


Die handelnden Personen: Uwe und Jessica, Theaterpädagogen; Sandra, Studentin der Theaterpädagogik, Frau Brandt, Lehrerin und elf Schüler und Schülerinnen der Förderschule Finkenberg. Das Vorhaben: Innerhalb einer Woche schaffen die Schüler und Schülerinnen es, ein Theaterstück zum Thema "Gleiches Recht für Alle" zum Thema Praktikum im Job aufzuführen. Die Arbeit beginnt am Projekttag EINS.


Aus Sicht von Markus und Sandra* stellen die Theaterpädagogen eher Störenfriede dar. Sie sind frisch verliebt, so verliebt wie man als Fünfzehnjähriger nur sein kann. Und sie können die Finger nicht voneinander lassen. Und da wird nun von ihnen verlangt, zuzuhören, sich auf die Theaterarbeit zu konzentrieren, getrennt voneinander an den Übungen teilzunehmen. Eine Zumutung!


Kemal fragt sich die ganze Zeit, worauf er sich da eingelassen hat. Eine Projektwoche mit einem Theaterprojekt - na schön. Aber jetzt, wo es so richtig an die Arbeit geht, kommen ihm schon Zweifel. Ist es nicht völlig uncool, auf einer Bühne zu stehen, sich zum Max zu machen, Sachen zu sagen, die man im wirklichen Leben niemals sagen würde? Und ist das mit dem Praktikum und der Ausbildung wirklich etwas, womit man sich beschäftigen müsste?


Die Sorgen von Michelle und Vanessa sind andere: Wie kommt sie rüber, wenn sie vor Publikum stehen? Stimmt das Outfit? Sehen sie cool aus? Was sagen die Jungs?


Maren dagegen fürchtet, dass diese Theater-Aktion wieder ein Reinfall für sie werden könnte. Hacken doch sowieso alle auf ihr rum. Und nun soll sie laut sprechen, Vorschläge und Ideen für das Stück haben, im Mittelpunkt stehen, ihren Text kennen und aufsagen. Am liebsten säße sie jetzt in der Schule und hätte ihre Ruhe vor den anderen und der Welt.


Das Sortierspiel

Auftritt Uwe! Uwe ist Theaterpädagoge und einer der beiden Leiter des Theaters ImPuls. Mit der in unzähligen Projekten gewonnenen Erfahrung schätzt er die teilnehmenden Förderschüler mit einem Blick ein und entschließt sich zum "Sortierspiel", einem Spiel, bei dem die Schüler sich rasch nach vorgegebenen Kriterien zueinander stellen sollen. Die erste Vorgabe lautet: Alle Schüler und Schülerinnen sortieren sich nach den Farben der Socken, die sie tragen, ohne dabei zu sprechen. Es gibt fünf Sekunden Zeit. In diesen fünf Sekunden muss jeder Schüler seine Socken vorzeigen, sich umschauen, wo sich jemand mit gleichfarbigen Socken findet, und sich rasch dazu stellen. Das klappt nicht so ganz auf Anhieb. 1 zu 0 für Uwe!


Der zweite Sortiervorgang geht nach Schuhgröße. Nun ist Pantomime gefragt, schließlich kann man die Schuhgröße nicht auf einen Blick erkennen. Jeder muss seine Schuhgröße mit den Fingern anzeigen, und zwar so, dass es jeder sehen kann und sich zu den Anderen mit der gleichen Größe sortieren. Das Ergebnis: 2 zu 0 für Uwe.


Als es um die Zahl der Geschwister geht, holen die Kids auf. Schnell haben sie die Zahl ihrer Geschwister mit den Fingern angezeigt, rasch haben sie zueinander gefunden und Gruppen gebildet. 2 : 1. Die Sache fängt an, den Schülern Spaß zu machen. Beim letzten "Sortiervorgang" haben sie es raus: Als sie sich nach den Verkehrsmitteln gruppieren sollen, mit denen sie hergekommen sind, hält einer der Schüler direkt seine Straßenbahn-Monatskarte hoch, so dass die anderen sie sehen können. Rasch hat sich die Gruppe der Straßenbahnfahrer gefunden. Die anderen imitieren Fahrradfahren und Zu-Fuß-Gehen pantomimisch und stellen sich zueinander. 2:2 ist das Endergebnis.


Die Kids sind sichtlich lockerer, trauen sich zur Pantomime, beachten die anderen Teilnehmer, haben gelernt, wie man durch Kooperation zum Erfolg kommt. Uwe bleibt gelassen, er kennt die Erfolge dieses Einstiegsspiels seit langem.


Stille Post

Beim nächsten Spiel wird es bitter für Markus und Sandra: Uwe stellt sich genau zwischen die Beiden: "Dann könnt ihr euch besser konzentrieren!" Und Konzentration brauchen die Jugendlichen auch. Sie rufen sich gegenseitig mit ihrem Namen auf, der Aufgerufene gibt die Staffel weiter. In kürzester Zeit haben so alle die Namen ihrer Projektpartner im Gedächtnis. Und dann geht es los, fast schon mit der echten Schauspielerei. Die Schüler stellen ihren Hobbies nach: Eine Szene stellt ein Volleyball-Spiel nach, eines eine Fußball Szene. Und das schönste Bild zeigt - Chillen. Grinsend legen sich die Jugendlichen bequem hin und tun genau das - chillen, schnell geraten von den anderen.


Lebende Bilder und Dialoge

Bei der nächsten Aufgabe wird es allerdings rasch kniffeliger: Nun sollen die Schüler Szenen aus dem Berufsleben nachstellen. Und nicht nur das: Sie müssen auch kurze Dialogszenen entwickeln: Was könnten die Darsteller in der Szene sagen? Es entstehen wieder drei Bilder, die die Jugendlichen darstellen. Eine Szene stellt die Arbeit bei der Feuerwehr dar, zwei Gruppen zeigen einen Friseursalon. Und als ein Junge den Ehemann der frisch frisierten Damen spielt, gibt es gleich eine Aufgabe für ihn: Im gefällt die Frisur "seiner Frau" nicht, und das soll er auch sagen. Und sogleich ist Bewegung in der Szene, die Dialoge entstehen fast schon von selbst.


Uwe ist zufrieden, es scheint, dass die Gruppe Potential hat. Und so kann er sie, nach einer raschen Bewegungsübung - Laufen, Freeze, Laufen Freeze - in die Pause entlassen. Wo die Kids gleich von ihrer Lehrerin eingesammelt werden, um das obligatorische Gruppenfoto zu machen. Schließlich muss am Ende der Woche ein Programmheft vorliegen, in dem alle Schauspieler abgebildet sind.


Die Pause wird von Uwe und Jessica, den beiden Theaterpädagogen genutzt, um sich mit der Lehrerin über die Schüler auszutauschen. Die beiden Leiter der Projektwoche haben sich mit den Schülern vertraut gemacht, nun tauschen sie ihre Eindrücke mit der Lehrerin aus. Sie kennt die Jugendlichen besser und kann auf so manche Schwäche, auf so etliche Eigenart der Jugendlichen hinweisen. Sie schätzt ein, wer rasch am Limit ist, oder wer noch viel "Luft nach oben" hat. Vor allem einer der Jugendlichen macht ihr Sorge. Er ist heute voll dabei und hat viele Vorschläge, als Lehrerin weiß sie aber auch, dass er rasch die Lust verliert und abspringt. Ihr Vorschlag ist, ihn nur für eine Rolle vorzusehen, in der er zur Not verzichtbar ist, falls er an einem der kommenden Tage nicht mehr auftaucht.


Die Talkshow

Nach der Pause ist eine Talkshow angesagt: "Talkmaster" Uwe setzt die Kids in die Runde und verteilt Rollen. Es gibt "Praktikanten", die von ihren Erfahrungen beim Praktikum berichten sollen, "Eltern", die erzählen müssen, wie sie ihre "Kinder" fit fürs Praktikum machen, und "Arbeitsgeber", die erzählen sollen, wie sich die "Praktikanten" in ihren Betrieben aufführen. Vor allem die Arbeitsgeber sind besonders streng: "Wer zu spät kommt, zeigt, dass er kein Interesse hat" ist eine der knallharten Ansagen, die die SchülerInnen in ihrer Rolle als Arbeitgeber von sich geben. Die "Eltern" sind aufgerufen, ihre "Kinder" bei der Pünktlichkeit zu unterstützen. Und die SchülerInnen, die die "Praktikanten" spielen, sind sich bewusst, wie wichtig Zuverlässigkeit und Pünktlichkeit für ihr berufliches Fortkommen sein wird. Auf die Frage des "Talkmasters" Uwe, ob ein Praktikant denn alles machen müsse, was man ihm sage, kommt von ihnen die klare Ansage, dass das wohl so sei. Die Erfahrung, dass es zu einer starken Persönlichkeit gehört, die Sinnigkeit von Aufgaben abschätzen zu können und auch mal "Nein" zu sagen, müssen diese SchülerInnen wohl erst noch machen.


Ein wichtige Frage wird zum Schluss geklärt: Würden die "Arbeitgeber" denn auch einen Förderschüler als Praktikanten einstellen? Hier sind sich "Eltern", "Praktikanten" und "Arbeitgeber" schnell einig: Auch Förderschüler haben ein Recht auf einen Praktikumsplatz. Es gilt: "Gleiches Recht für Alle!" Und damit ist dann auch der Arbeitstitel der Projektwoche gefunden.


Praktikumszene: „Im Restaurant“

Die beiden Projektleiter Uwe und Jessica teilen die Schüler nun in zwei Gruppen ein. Zum Bedauern von Markus und Sandra finden sich beide in unterschiedlichen Arbeitsgruppen wieder. Leiterin Jessica fragt die Teilnehmer in ihrer Gruppe nach deren Erfahrungen aus ihren Praktika. Rasch sammelt sie aus den Antworten Anregungen für Spielszenen zusammen. Schon bald zeichnet sich eine erste grobe Skizze eines kurzen Stückes ab: Spielort ist ein Restaurant, in dem sich zwei Schüler als Praktikanten bewerben. Der eine möchte in der Küche arbeiten, der andere als Kellner. Sie bekommen die Jobs, der Kellner jedoch kippt die Cola über einen Gast, der Koch-Praktikant lässt das Schnitzel anbrennen. Beide müssen sich bei ihren Schwierigkeiten richtig verhalten und sich beim Gast beziehungsweise beim Chefkoch entschuldigen. Am Schluss gibt es dann ein Praktikumszeugnis und die Aussicht auf einen Ausbildungsvertrag.


Die erste Szene wird genauer erarbeitet. Pädagogin Jessica hat rasch ihre Gruppe für die verschiedenen Rollen aufgeteilt. Zwei Jungs sind für die "Hauptrolle" der Praktikanten rasch gefunden, auch der Restaurantchef und die Kellnerin haben bald ihre Rolle. Zwei der Mädchen, darunter die zurückhaltenden Maren, übernehmen Doppelrollen. Sie "arbeiten" im Gesundheitsamt und müssen die Praktikanten über die Hygieneregeln in Restaurants aufklären, später werden sie Gast im Restaurant sein und die nasse Bekanntschaft mit der Cola machen.


Die Kids arbeiten nun mit Eifer an der Szene. Es gibt viele Ideen, wie man die Situation ausgestalten könnte. Jessica muss nun eher bremsen, damit die Szene nicht zu lang wird und die SchülerInnen sich auf das wesentliche konzentrieren können. Nach mehreren Durchläufen sitzen die Dialoge, selbst Maren hat gelernt, lauter zu sprechen und ist präsent im Raum. Kemal ist konzentriert und mit konstruktiven Vorschlägen bei der Sache, und in der Gruppe von Uwe haben Michelle und Vanessa längst Wichtigeres im Auge als ihre Wirkung auf Andere. Die Probenarbeit zeigt erste Erfolge.


Erster Auftritt

Beide Gruppen spielen sich gegenseitig die erste Szene des von ihnen erarbeiteten Stücks vor. Jessicas Gruppe spielt den Anfang des Restaurant-Stückes souverän durch. Uwes Spieler haben sich eine Szene im Altersheim ausgesucht. Hier hängt die erste Szene noch an der einen oder anderen Stelle. Uwe hat die SchülerInnen ermahnt, ein gutes Publikum zu sein. Das bedeutet, bei der Aufführung der Anderen ruhig zu sein und hinterher Applaus zu spenden. Und als gute Schauspiel-Kollegen sind die Kids aufgerufen, ihren "Kollegen" Tipps und Hinweise zu geben, was diese besser machen könnten. Vor allem die "Restaurantgruppe" bekam auf diesem Wege ein sehr positives Feed-Back.


Kritik und Lob

Zum Abschluss des Projekttages sind alle aufgerufen, anzugeben, was ihnen gut gefallen hat und was ihnen schwer gefallen ist. Leicht gefallen ist den SchülerInnen die Probenarbeit, gut gefallen hat ihnen die Bühnenarbeit. Schwer fanden sie es, sich über einen so langen Zeitraum zu konzentrieren, sich zu beherrschen und ruhig zu sein. Schwierig war es für den einen oder anderen, sich seinen Spiel-Namen zu merken. Und alle hatten große Bedenken am Ende dieses ersten Tags, ob das Stück zum Ende der Projektwoche fertig werden würde. Haben doch alle gelernt, wie viel Arbeit das mit der Schauspielerei so sein kann.


Reflexion

Bei der anschließenden Reflexion tauschen dann die Projektleiter Uwe und Jessica und die Studentin Sandra ihre Eindrücke aus. Die drei haben die Erfahrung gemacht, dass die SchülerInnen offen und interessiert waren. Das Sortierspiel am Anfang ist gut gelaufen, die Jugendlichen waren durch Uwes anfänglichen Punktevorsprung nicht demotiviert. Die Talkshow erbrachte spannende Themen und auch gleich den Projekttitel. Als bedenklich stufen die drei ein, dass die Aussage "Man muss machen, was der Chef sagt" nicht kritisch hinterfragt wurde.


Wichtig war den Pädagogen der enge Kontakt zur Lehrerin der Schüler und Schülerinnen. Zum einen konnten so die Theaterleute die Jugendlichen von vorneherein besser einschätzen. Andererseits aber bekam die Lehrerin den Prozess und die Veränderungen mit, die die SchülerInnen durchlebten. Gleichzeitig konnte sie durch den engeren Bezug zu den Teilnehmern diese Veränderungen besser unterstützen.


Einen hohen Stellenwert nahm bei den beiden Theaterpädagogen Uwe und Jessica sowie bei Sandra die Teamarbeit ein. Alle drei haben den Eindruck, dass die Zusammenarbeit im Team gut funktioniert hat. Absprachen wurden eingehalten, der Kollege/die Kollegin erfuhr Unterstützung bei seiner Arbeit, das Projekt war frei von Rangeleien und Machtansprüchen.


Die drei Pädagogen besprochen danach die Eindrücke, die sie von den einzelnen Teilnehmer haben. Ihr Eindruck ist, dass sich fast alle positiv in die Arbeit eingebracht haben und sich schon im Laufe dieses einen Tages weiter entwickelt haben. Dies zeigte auch die Auswertungsrunde am Schluss, als es von den Kids Kritik, Lob und Anregungen für die anderen gab. Und alle drei sind bereits gespannt auf den zweiten Tag, und wie es mit den Schülerinnen und Schülern im Projekt weiter gehen wird.


Joachim 2013

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* Alle Schülernamen geändert.

Theater ImPuls • Glashüttenstr. 20 • 51143 Köln-Porz